Schließe die Augen und stelle dir vor, du sitzt neben mir. Ich atme gaaaanz tiieeeef ein. Na? Wie fühlt sich das an? Hast du ganz automatisch wie von Zauberhand mitgemacht? 

Die Polyvagal-Forschung nach Steve Porges untersucht Möglichkeiten, wie der Tonus des Vagus-Nerv stimuliert werden kann. Dieser Nerv ist der Hauptträger des parasympathischen Nervensystems. Und siehe da: Der Atem ist eines unserer mächtigsten Körper-Tools, um den Vagus-Nerv zu bremsen und den parasympathischen Zustand der Entspannung, Verdauung und Ruhe zu triggern. Atmung ist eine kraftvolle Ressource und eine der wichtigsten Quellen für Energie und Gelassenheit!

Und wenn ich dir jetzt verrate, dass eine entspannte Atmung einer der stärksten körperlichen Anker ist, mit dem du Kinder aus einer stressigen Situation zurück in die Gelassenheit bringen kannst? Lass uns die Kraft der Co-Regulation durch das Atmen gemeinsam erforschen. 

Atmung bei Erwachsenen und bei Kindern

Praktizierst du Yoga – oder hast schon einmal holotrophes Atmen oder die Wimhoff-Methode ausprobiert? Viele Erwachsene beschäftigen sich aktiv und kognitiv mit Atmung. Im Laufe der Lebenszeit, besonders in Stressphasen, können sich Parasympathikus und Sympathikus überlagern. Der Atemfluss kann helfen, dies aufzulösen, was bei Erwachsenen intuitiv meist nicht mehr möglich ist. 

Kinder hingegen atmen ganz intuitiv. Sie müssen sich nicht bewusst mit ihrem Atem beschäftigen. Er fließt wie von selbst aus ihnen heraus. Der Atemfluss passt sich der Situation an – ob sie spielen oder wütend sind. In meinen osteophatischen Behandlungen bemerke ich oft einen naturgegebenen kindlichen Atempfad: Die Ausatmung ist etwas langsamer als das Einatmen. 

Welche unglaubliche Macht im Atem steckt, möchte ich dir an einigen Beispielen aus meinem osteopathischen Alltag bewusst machen.

Ein Beispiel zur Kraft des Atems

Während der letzten Wochen begleitete ich eine wundervolle Familie. Eines der Kinder litt stark an Konzentrations- und Lernschwierigkeiten. Die Eltern sind sehr bewusst und haben den tiefen Wunsch, ihr Kind in die volle Blüte zu entfalten. 

Um den kleinen Jungen bestmöglich auf seinem Weg zu unterstützen, war der Wechsel ins alternative Schulsystem angedacht. Doch am ersten Probetag dann das unschöne Erlebnis: Der kleine Junge wollte nicht in der neuen Schule bleiben.

Wahrscheinlich hatte er eine Schulangst entwickelt. Der Sympathikus ist permanent aktiviert, der Körper in einem permanenten Fight-or-Flight-Modus. Deshalb ging der erste Schulbesuch gründlich in die Hose. 

Ruhiger Atem: Gehe in stressigen Situationen in Resonanz

Ich brachte der Mama des kleinen Jungen Übungen für den sogenannten „vegal brake“ bei, für das Bremsen des Vagus-Nervs. Wenn er wieder in die Schulangst fällt, hieß es für die Mama: Gezielt langsam Atmen. Doppelt so lange Ausatmen. 

Nach einiger Zeit bekam ich eine freudige Sprachnachricht, die mir ehrlich gesagt sogar Tränen der Rührung in die Augen trieb: Der Junge hatte es geschafft. Er war an der neuen Schule angenommen. 

Co-Regulation lautet das Zauberwort

Im Stress-Mood braucht es einen Menschen in direkter Nähe, der gerade im Stande ist sich selbst zu regulieren. Einen körperlichen Anker. Dann können die Nervensysteme Trittbrett fahren und die energetischen Felder aufeinander überschwappen. 

Wenn dein Kind Wutanfälle bekommt, wenn es schreit, stampft, schimpft: Versuche auf keinen Fall, ihm aus dem Verstand heraus zu begegnen und in deinem Frontalhirn nach einer Lösung zu wühlen. Reiße dich am Riemen und halte einfach mal die Klappe. Atme doppelt so lange aus, wie du einatmest. Mehrere Zyklen lang. Und schau einfach, was passiert. 

Die Change ist riesengroß, dass du deinem Kind genau die Sicherheit und die Ruhe vermittelst, nach der sein Körper in diesen Momenten so sehr lechzt.

Ein zweites Beispiel für die wunderbare Wirkung des Atems

Ein junger Mann im Alter von 14 Jahren kam in meine Praxis. Seine Mama ist selbst Hebamme, mit der ich bereits interdisziplinär zusammenarbeiten durfte und die ich sehr schätze. Eine wache, bewusste Familie.

Der Jugendliche litt unglaublich unter dem ständigen Maskentragen in der Schule. Er hatte starke Kopfschmerzen entwickelt. Momentan müssen sich unsere Kinder mit den Masken abfinden. Gerade ist es eine unveränderliche Situation – auch, wenn ich es mir von tiefstem Herzen anders wünschen würde. 

Während der osteopathischen Untersuchung suchte ich nach Ressourcen. Sein Brustkorb fühlte sich wie in Beton gemeisselt an. Unglaublich hart. Wie erstarrt. Ich behandelte die Rippen und löste die Spannung aus dem vegetativen Nervensystem. Aber ich merkte, dass noch etwas fehlt.

Es stellte sich heraus, dass der junge Mann vor Corona Leistungsschwimmer war und leidenschaftlicher Chorsänger. Beides Aktivitäten, die einen ausgeprägten, tiefen Atem fördern. Beide Hobbies sind durch die Pandemie ganz abrupt weggebrochen – für die Seele und für sein körperliches System. Sein Atem war nicht abtrainiert. 

Wir suchten zusammen nach einer Alternative, um die Atemleistung wieder zu steigern. Und nach einiger Zeit verbesserten sich die Kopfschmerzen deutlich. Wahnsinn, was für eine Kraft Atmen haben kann!

Probiere den Atem als Hebel einfach mal aus. Du wirst merken, wie einfach es dir mit etwas Übung fällt – sobald du über den Schatten deiner eigenen Verhaltensmuster gesprungen bist.

Mehr osteopathische Kniffe zu Atem und Co-Regulation

Im Online-Kurs Gezeitenkörper gebe ich dir Techniken an die Hand, wie du Zugang zu deinem Nervensystem und dem deines Kindes bekommst. Du lernst und erfährst verschiedenen Techniken zur Co-Regulation, die dich dabei unterstützen gelassener durch Ebbe und Flut deiner Elternschaft zu manövrieren. Der bewusste, langsame Atem ist eine davon.