Vertrauen ist die Basis für eine gelingende, bewusste Elternschaft. Zugleich ist es ein flüchtiges Gut, das oft auf die Probe gestellt wird.
In diesem Blog-Beitrag möchte ich dir Impulse an die Hand geben, mit denen du wieder Vertrauen zu deinem Kind fasst. Denn unabhängig von Problemen, der physischen und psychischen Verfassung, Schulnoten oder Leistungen, gibt es in deinem Kind (und dir) eine natürlich innenwohnende Kraft, auf die du immer Vertrauen kannst: die immanente Intelligenz.

Wie? Intelligent? Mein Kind? Wenn du dich das gerade fragst, steckst du mit deinem Kind vielleicht gerade in einer Situation, in der du das Vertrauen in seine natürlichen Entscheidungs- und Urteilsfähigkeiten verloren hast. Gerade dann könnten dir die folgenden Gedanken aus der Sackgasse helfen.

Übrigens: Wenn du lieber hörst statt liest, findest du die Inhalte auch in meinem Podcast „Auftriebskraft“.

Ein Gedankenspiel

Ich erkläre gerne in Bildern. Lass mich die Idee der immanenten Intelligenz mit einem Gedankenspiel deutlich machen.
Stell dir vor, es ist ein trüber Tag im Herbst oder Winter. Du wirfst einen Blick aus dem Fenster. Draußen – graues Wetter. Der Himmel ist wolkenverhangen. Es nieselt leicht und wird früh dunkel. Richtig ungemütlich. Doch du weißt: Hinter dem Wolkenschleier versteckt sich die strahlende Sonne. Sie existiert auch, wenn der Himmel trostlos wirkt. Einen anderen Erdenfleck erhellt sie vielleicht gerade mit ihren schönsten Strahlen. Sie ist nicht weg nur weil du sie gerade nicht siehst.
Was würdest du sagen, wenn ich behaupte: Es gibt keine Sonne mehr! Wahrscheinlich würdest du alles versuchen, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Vielleicht setzt du dich mit mir ins Flugzeug und fliegst mit mir hoch in die Lüfte. Nur, um mir zu zeigen, dass es die Sonne gibt. Hoch über den Wolken scheint sie vor strahlend blauem Himmel. Und wir würden von oben gemeinsam auf die Wolkendecke herabblicken.

Übung: Sonnenmomente finden

Genau diese Sonnenmomente meint immanente Intelligenz. Sie bezeichnet die natürliche Intelligenz, die dein Kind und jeder Mensch in sich trägt. Sie steckt in ihm, obwohl das sichtbare Verhalten, die körperliche oder geistige Verfassung wolkig und neblig wirken. Sie steckt im Körper, im Geist und im Bewusstsein deines Kindes. Sie ist immer da.

Nun stelle dir die Fragen:
Wann hattest du in der letzten Zeit Sonnenmomente mit deinem Kind? Wann habt ihr zusammen auf die Wolkendecke runtergeblickt? Wann war dein Kind besser gelaunt, ruhiger, ausgeglichener?
Nimm dir Zeit und bringe deine Gedanken handschriftlich zu Papier. Vielleicht fallen dir sogar mehrere Geschichten ein, die dir zeigen, dass es die Sonne in deinem Kind noch gibt.

Kinder wachsen an Licht und Schatten

Oft haben Eltern Angst ihrem Kind zuzusehen, wie es starken Schmerz fühlt und leidet. Auf die natürliche Intelligenz des Kindes zu vertrauen heißt auch, es schmerzhafte Erfahrungen machen zu lassen. An allen Erfahrungen wächst und erblüht dein Kind. Denn das Leben besteht nicht nur aus Licht, sondern auch aus Schatten.
Dazu möchte ich dir ein Beispiel aus meinem Familienleben mitgeben.
Mein Sohn rang lange mit sich und entschloss sich letztlich dazu, die Sportmannschaft zu wechseln. Wie er sich verabschieden möchte, überließen meine Frau und ich ihm selbst. Wir vertrauten auf sein natürliches Gespür, wie er das Loslassen von Altem und den Übergang in etwas Neues gestalten möchte. Er wollte sich schließlich per Handschlag von jedem einzelnen Mitspieler persönlich und wertschätzend verabschieden. Das war mit starkem Schmerz verbunden – doch nach seinem eigenen Gespür der beste Weg für ihn.

Übung: Schatten zulassen

Deshalb gebe ich dir nun folgende Fragen an die Hand:
Wo hast du deinem Kind Dinge abgenommen, weil du seinen Schmerz nicht ertragen und mitfühlen wolltest? In welchen Momenten hast du die natürliche Intelligenz deines Kindes eingeschränkt, weil dein Vertrauen gefehlt hat?

Aufgepasst: Es geht bei diesen Fragen nicht darum, sich schuldig zu fühlen, sondern zu erkennen, dich zu sensibilisieren, um künftig deine Bewusstheit auf die natürliche Intelligenz und das Vertrauen zwischen dir und deinem Kind zu lenken.

Überlege für dich und schreibe dies mit der Hand auf einen Zettel.
Nimm diesen Zettel, sage einmal ganz laut und deutlich: Ich habe zu diesem Zeitpunkt mein Bestes getan. Ich verzeihe mir. Ich lasse mein Kind nun frei. Dann zerreißt du den Zettel oder verbrennst ihn.

Aus meiner Sicht bedeutet Elternschaft auch zuzugeben, dass die Kontrolle manchmal entgleitet. Ich wünsche dir von Herzen viel Mut beim Loslassen, ein gutes Vertrauen in die natürliche Intelligenz deines Kindes – und in deine eigene. Denn du bist der Begleiter, der deine Kinder zum Erblühen bringt.