Endlich Stille. Lange hast du versucht, dein Baby zu beruhigen. Füttern, stillen, schaukeln. Dann: ein kurzes Zucken in seinem Gesicht. Die Stirn runzelt sich, die Augen kneifen zusammen. Es geht schon wieder los, dieses ohrenbetäubende Geschrei.

Kannst du die Situation genauso gut nachfühlen wie ich? Viele Eltern kommen in meine Praxis, die mehr oder weniger am Schreien ihres Kindes verzweifeln. Sie zermartern sich das Hirn, weil ihnen die Gründe dafür unerklärlich scheinen.

Wir fassen heute ein heißes Eisen zusammen an. Und zwar das vermaledeite Thema: entspannt bleiben, obwohl das Kind schreit.

Vorab: Gelassen zu bleiben ist evolutionär eigentlich gar nicht möglich. Denn die Stimme deines Babys ist auf eine Frequenz gestimmt, die uns Erwachsene in Rage bringt. Das ist von der Natur so gewollt. Wir können nicht mehr klar denken und MÜSSEN uns kümmern. Angespannte Nerven bei Babygeschrei ist total normal.

Ich gebe dir sieben Punkte an die Hand, die evolutionär erklären, warum Schreien und die elterliche Anspannung ganz natürlich und normal sind. Das Background-Wissen kann dir in der Situation selbst beistehen, um bewusster zu handeln – und idealerweise gelassen(er) zu bleiben. Los geht’s!

Punkt 1: Weinen ist natürlich.

Weinen ist für den Fötus bereits im Mutterleib möglich. Tränen frei zu lassen haben eine Qualität von Heilung. Wusstest du, dass sich die Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit verändert – abhängig vom thematischen Auslöser? Faszinierend, oder?

In meinen osteopathischen Behandlungen gebe ich Tränen gerne ihren Raum. Kinder dürfen weinen, wenn ihnen danach ist. Das ist völlig okay. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Eltern die Tränchen manchmal schwerer aushalten als das Kind selbst. Scham und Schuldgefühl melden sich, wenn man das Kind vermeintlich nicht beruhigen kann. Mein Tipp: Erkenne an, dass Weinen eine ganz natürliche Reaktion ist mit der dein Kind seine Gefühle ausdrückt und loslässt.

Punkt 2: Weinen hilft dem Kind zu überleben.

Evolutionär gesehen stellt das Schreien die Überlebensfähigkeit deines Kindes sicher. Versetze dich in die Steinzeit, als Menschen noch in freier Natur lebten. Die einzige Antwort auf die evolutionsbedingte Hilflosigkeit deines Kindes: Erwachsene um Unterstützung und Hilfe bitten – mit lautem SOS-Geschrei.

Punkt 3: Es ist okay, wenn zuhören schmerzt.

Die elterliche Reaktion auf Babyweinen ist ebenfalls ein Geniestreich der Evolution. Das Gegenstück. Denn es ist vorgesehen, dass uns Schreien triggert. Es weckt zudem eigene schmerzhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit. Deshalb tendieren wir zur Überreaktion.
Prüfe beim nächsten Mal für dich und schau ganz genau hin: Warum bist DU so irritiert? Gibst du DEINEN eigenen Schmerz an das Kind weiter und projizierst ihn?

Punkt 4: Sei geduldiger mit dir.

Mal ganz ehrlich: Wenn wir Erwachsenen lernen würden, entspannter mit Kinderweinen umzugehen, wäre die Welt ein sicherer und sanfterer Ort. Etliche Schütteltraumata könnten vermieden werden. Erkenne deine Emotionen, bleib bei dir und sei nachsichtig – mit dir und mit den Gefühlen deines Kindes.

Punkt 5: Deine Ruhe nährt die Ruhe in deinem Kind.

Bei jeder Interaktion, bei jeder Berührung steht dein Nervengeflecht mit dem deines Kindes in Verbindung. Das Gehirn des Kindes greift auf unsere Erfahrungen zurück – und entwickelt sich damit weiter. Wenn du die Umgebung deines Kindes ruhiger gestaltest, schaffst du eine Umgebung, in der das Gehirn deines Kindes gelassen(er) erblühen darf.

Punkt 6: Bindung wächst durch zuhören, beobachten, annehmen.

Das Schreien radikal anzunehmen ist unglaublich herausfordernd. Denn bei uns Erwachsenen meldet sich rasch das Gefühl der Ohmacht. Wir durchleben den Schmerz unserer eigenen Kindheit – den wir auf keinen Fall noch einmal fühlen möchten! Tief durchatmen. Fußsohlen erden. Im Hier und Jetzt bleiben. Dir ins Bewusstsein rufen, dass dein eigener kindlicher Schmerz längst passé ist und das Schreien deines Kindes annehmen, ihm zuhören.

Punkt 7: Auf das richtige Bedürfnis reagieren.

Als ängstlicher, irritierter Elternteil wollen wir unbedingt, dass der Säugling SOFORT aufhört zu weinen. Schreien und Wut ist kaum erträglich. Eine vermeintlich möglichst schnelle Lösung muss her: Füttern, Schnuller. Doch ist das zu dem Zeitpunkt auch die beste Lösung für dein Kind? Erst beim Zuhören und Hineinspüren, findest du heraus, welches wahre Bedürfnis dein Kind gerade hat. Aus meiner Sicht ist es sinnvoll, über den eigenen Schatten zu springen und dir Zeit zu nehmen.

Tipp: Im Online-Kurs Gezeitenkörper zeige ich dir genau dazu verschiedene Techniken: Wie kannst du dein Kind wieder beruhigen – wie bleibst du selbst entspannt und gelassen? Atem oder sanfte Berührungen sind zwei davon. Goodie für Kursteilnehmer*innen: Ich bin persönlich in einer geschlossenen Gruppe für deine Fragen da. Klingt spannend? Hier gibt’s mehr Infos.

Und fürs nächste Mal Baby-Schreien: Try to take it easy. Es ist zwar ein langer, steiniger Weg, um deine evolutionäre Konditionierung zu überlisten. Aber für die Blüte und ein gut reguliertes Leben deiner Kinder ist er es sicher wert!